Wer durch die Gemeinden in Tirol fährt, entdeckt sie überall: alte Wohnhäuser, ehemalige Gewerbegebäude und Objekte in bester Lage, die nur noch eingeschränkt nutzbar sind oder zunehmend verfallen. Rund 80 Prozent aller Gebäude in Tirol sind älter als 35 Jahre. Die vielen Häuser aus den 1950er-, 60er- und 70er-Jahren entsprechen mit veralteten Grundrissen und hohem Energieverbrauch nicht mehr den heutigen Anforderungen.
Manche Gebäude haben ihre Lebensdauer erreicht
Statt alte Gebäude jahrelang mit hohem Aufwand zu erhalten oder zu sanieren, könnte ein moderner Neubau oft die bessere Lösung sein – ökologisch, wirtschaftlich und städtebaulich. Genau hier kommt die Assanierung ins Spiel. Noch nie gehört? Unter einer Assanierung versteht man das weitgehende Ersetzen oder den großflächigen Rückbau mit anschließendem Neubau eines modernen, energieeffizienten Gebäudes am selben Standort.
„Wenn Tirol den sparsamen Umgang mit Grund und Boden ernst meint, braucht es auch eine Förderung für Assanierung und praktikablere Vorgaben für Bestandsgebäude.“
Patrick Weber, Landesinnungsmeister der Bauinnung Tirol
Kaum ein Thema beschäftigt Gemeinden stärker als der nachhaltige Umgang mit Grund und Boden. Jede neue Widmung auf der grünen Wiese bedeutet zusätzlichen Flächenverbrauch. Gleichzeitig kämpfen viele Ortszentren mit Leerständen oder Gebäuden, die nicht mehr zeitgemäß sind. Hier bietet die Assanierung die Chance, bestehenden Boden besser zu nutzen, Ortskerne zu beleben und nachhaltige Entwicklung zu ermöglichen.

Die Steiermark macht es vor
Während die Assanierung in Tirol bislang wenig Beachtung findet, hat die Steiermark bereits ein eigenes Fördermodell geschaffen. Gefördert werden dort Projekte, bei denen ein Gebäude nicht als Ganzes erhaltenswert ist und durch einen teilweisen oder vollständigen Neubau ersetzt wird.
Voraussetzungen sind unter anderem:
- Das Gebäude befindet sich in einem Siedlungsschwerpunkt.
- Die Entwicklung verbessert das Wohnumfeld.
- Ein entsprechendes Amtsgutachten bestätigt das öffentliche Interesse.
- Die Assanierung erfüllt ökologische Standards und wird nach dem klimaaktiv-Standard Silber zertifiziert.
Förderberechtigt sind sowohl Eigentümer von Gebäuden und Wohnungen als auch Bauberechtigte.
Tirol steht vor denselben Herausforderungen
In den Tiroler Gemeindestuben wird meist nur über Neubaugebiete gesprochen. Viel zu selten richtet sich der Blick auf bestehende Gebäude, die ihr Potenzial längst nicht mehr ausschöpfen.
Eine moderne Assanierung ist kein Abriss um des Abrisses willen. Sie schafft die Möglichkeit, dort neu zu denken, wo Gebäude ihre technische und wirtschaftliche Lebensdauer erreicht haben. Die Infrastruktur ist bereits vorhanden. Straßen, Wasserleitungen, Kanal, Stromversorgung und öffentliche Einrichtungen müssen nicht neu geschaffen werden. Das spart Ressourcen, Kosten und wertvolle Flächen.

Assanierung braucht bessere Rahmenbedingungen
Während sich das Tiroler Baurecht und viele bautechnische Vorschriften vor allem auf Neubauten konzentrieren, gibt es für Bestandsgebäude und Assanierungsprojekte keine praxistauglichen Lösungen. Wer einen bestehenden Standort weiterentwickeln möchte, stößt auf dieselben Vorgaben wie bei einem Neubau – obwohl die Ausgangssituation eine völlig andere ist. Es braucht neue Möglichkeit, Gebäude umfassend zurückzubauen, neu zu denken und an die heutigen Anforderungen anzupassen.
Eine gezielte Assanierungsförderung könnte hier gleich mehrere Probleme lösen:
- Ortskerne werden belebt und aufgewertet.
- Bestehende Infrastruktur wird besser genutzt.
- Energieeffiziente Neubauten ersetzen sanierungsbedürftige Altbauten.
- Zusätzlicher Wohnraum entsteht ohne weiteren Bodenverbrauch.
- Gemeinden gewinnen an Attraktivität und Lebensqualität.
Fazit: Es ist Zeit für neue Impulse in Tirol
Die Steiermark zeigt, dass eine gezielte Förderung von Assanierungen funktioniert. Tirol sollte diesen Ansatz prüfen und weiterentwickeln. Denn die Herausforderungen sind ähnlich: steigende Baukosten, begrenzte Flächenreserven und ein hoher Bedarf an zeitgemäßem Wohnraum. Wer Ortskerne stärken, Boden sparen und nachhaltige Entwicklung fördern möchte, kommt an der Assanierung nicht vorbei.
„Tirol investiert bereits in Sanierungen, Energieeffizienz und nachhaltiges Bauen. Die Assanierung wäre die logische Ergänzung dazu.“
Patrick Weber, Landesinnungsmeister der Bauinnung Tirol
Eine entsprechende Landesförderung wäre ein wichtiger Schritt, um bestehende Potenziale zu nutzen und Tirols Gemeinden fit für die Zukunft zu machen. Denn manchmal liegt die beste Baufläche nicht auf der grünen Wiese – sondern genau dort, wo bereits gebaut wurde.
Zum Weiterlesen: Förderung Assanierung Land Steiermark