Die Bauwirtschaft steht oft im Zentrum der Klimadebatte. Immer wieder wird behauptet, sie sei für 38 Prozent der weltweiten CO₂-Emissionen verantwortlich. Die Bauwirtschaft trägt Verantwortung für den Klimaschutz – daran besteht kein Zweifel. Gleichzeitig ist es wichtig, faktenbasiert zu diskutieren und die Zahlen der Studien richtig einzuordnen. Denn oft wird übersehen, wie sich diese Prozentangabe tatsächlich zusammensetzt.
Woher stammt diese Zahl „38 Prozent“?
Grundlage für diese Prozentangabe ist ein Bericht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen „2020 Global Status Report for Buildings and Construction“, auf den sich auch Studien des damaligen österreichischen Klimaschutzministeriums stützen. Wichtig zu wissen: In diese Berechnung von 38 Prozent fließen neben der Bauausführung selbst vor allem die Emission aus dem jahrzehntelangen Betrieb von Gebäuden ein.

Der Neubau ist nicht der größte Emissionstreiber
Wer an einer Baustelle vorbeifährt, sieht Betonmischer, Kräne und schwere Maschinen. Schnell entsteht der Eindruck: Hier wird massiv CO₂ produziert! Tatsächlich macht die eigentliche Bauausführung weltweit aber nur einen Bruchteil der Emissionen aus: gerade einmal 0,4 Prozent. Die entscheidende Erkenntnis: Der mit Abstand größte Anteil im Gebäudesektor entsteht durch das Heizen, Kühlen und den laufenden Betrieb bestehender Gebäude – oft über Jahrzehnte hinweg.
Von den gesamten 38 Prozent entfallen:
- 28 Prozent auf den Gebäudebetrieb
- 9,6 Prozent auf die Herstellung und den Transport von Bauprodukten
- lediglich 0,4 Prozent auf die eigentliche Bauausführungv
Damit wird klar: Die Errichtung von Gebäuden selbst verursacht nur einen sehr kleinen Teil der globalen Emissionen.
Die Rolle der Bauwirtschaft ist eine andere
Gerade deshalb spielt die Bauwirtschaft eine zentrale Rolle auf dem Weg zur Klimaneutralität. Moderne Bauweisen, langlebige und energieeffiziente Materialien sowie auch die Sanierung bestehender Gebäude bieten enormes Potenzial zur Reduktion von CO₂-Emissionen.
Neue Rahmenbedingungen will dafür die OIB-Richtlinie 7 „Nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen“ schaffen, die derzeit erarbeitet wird und voraussichtlich ab 2027 in das österreichische Baurecht einfließen soll. Künftig sollen dabei verstärkt Themen wie das Treibhauspotenzial von Baustoffen, Kreislaufwirtschaft und die Wiederverwendbarkeit von Bauteilen berücksichtigt werden.
Vorsicht! Es gibt keine Einheitslösungen für nachhaltiges Bauen
Ein zu starres Regelwerk kann jedoch nach hinten losgehen. Experten warnen davor, neue Regelungen zu einseitig zu gestalten. Der stellvertretende Bundesinnungsmeister Bau, Anton Rieder, betont in einem Interview mit dem Wirtschaftsmagazin „Report“, dass die Auswirkungen neuer Vorgaben sorgfältig geprüft werden müssten. Entscheidungen dürften nicht ausschließlich auf theoretischen Modellen beruhen – vielmehr brauche es eine breite Diskussion mit allen Beteiligten der Branche, von der Baustoffindustrie über Planer bis hin zu den ausführenden Unternehmen. Die Baupraxis müsse dabei stärker berücksichtigt werden.
Auch Gunther Graupner von der Zukunftsagentur Bau spricht sich für einen differenzierten Zugang aus: „Unterschiedliche Baustoffe müssen fair bewertet und dort eingesetzt werden, wo ihre jeweiligen Stärken liegen. Denn die Anforderungen sind regional sehr unterschiedlich. Während in Ballungsräumen aufgrund hoher Grundstückspreise häufig Tiefgaragen und massive Bauweisen notwendig sind, können in anderen Regionen ganz andere Lösungen sinnvoll sein. Pauschale Grenzwerte werden dieser Vielfalt nicht gerecht.“

Fakt ist: Die Bauwirtschaft ist Teil der Lösung
Bis 2050 – so lautet das EU-Ziel- soll der gesamte Gebäudebestand weitgehend klimaneutral werden. Dafür braucht es Investitionen, Innovation und eine starke Bauwirtschaft.
„Der schnellste Weg, CO₂ zu reduzieren, liegt im Gebäudebestand. Dort entstehen die größten Emissionen.“
Patrick Weber, Landesinnungsmeister der Bauinnung Tirol
Die Realität ist, viele bestehende Gebäude stammen aus einer Zeit, in der Energieeffizienz noch kaum eine Rolle spielte. Auch in Tirol sind rund 80 Prozent der Gebäude über 35 Jahre alt. Genau hier schlummert das größte CO₂-Einsparungspotenzial. Doch: Die Sanierung entwickelt sich laut Prognosen der Tiroler Bauvorschau im Frühjahr 2026 mit einem Zuwachs von 7,3 Prozent zwar positiv, bleibt aber hinter den Anforderungen zurück.
Neue Förderoffensive ist dringend notwendig
Entsprechend kritisch sieht die Tiroler Landesinnung Bau den Förderstopp für die thermische Sanierung. Nachhaltiger Klimaschutz gelingt nicht allein durch den Austausch von Heizungen. Zwar können dadurch Emissionen gesenkt werden, der Energieverbrauch vieler Gebäude bleibt ohne thermische Sanierung jedoch nahezu unverändert.
Gerade die Verbesserung der thermischen Qualität von Gebäuden ist entscheidend, um Energie- und Klimaziele langfristig zu erreichen. Die Tiroler Bauinnung drängt daher auf neue Impulse und eine gezielte Förderoffensive für thermische Sanierungen.
„Um die Klimaziele zu erreichen, müsste sich die Sanierungsrate mindestens verdreifachen. Hier braucht es dringend eine neue Förderoffensive.“
Patrick Weber, Landesinnungsmeister der Bauinnung Tirol
Fazit: Wer Klimaschutz will, braucht die Bauwirtschaft!
Es sind die Bauunternehmen, die Planer und die Handwerksbetriebe, die alte Gebäude thermisch sanieren und neue Standards im energieeffizienten Bauen umsetzen. Die Baubranche steht damit nicht am Rand der Klimaschutzdebatte, sondern mitten in der Lösung. Wer Klimaschutz will, braucht die Bauwirtschaft.