Im monatlichen Podcast der Bauinnung Tirol „Auf Baukurs“ berichten Experten über aktuelle Themen.
Bmst. Arch. DI Gunther Graupner
Geschäftsführer der ZAB – Zukunftsagentur Bau in Salzburg
Was erwartet die Bauwirtschaft in den nächsten Jahren, wenn es um Bauen außerhalb der Norm geht?

Hier führt kein Weg an weniger Komplexität im Normen- und Regelwerk vorbei. Wir reden über rund 2.700 baurelevante Normen. Mit ‚Herumdoktern‘ an Einzelpunkten werden wir nie fertig. Entscheidend ist ein klarer rechtlicher Rahmen fürs Bauen außerhalb der Norm. Wir brauchen mehr Spielraum für praxistaugliche Lösungen, ohne dass Haftung und Gewährleistung wie eine Keule über jedem Schritt hängen. Gerade im Nutzen von Bestand müssen Regeln flexibler werden, sonst scheitern Sanierungen an fünf Zentimetern im Stiegenhaus. Und wir müssen zeigen, wo Einsparungen bei CO₂ und Kosten tatsächlich liegen, damit Betriebe ihre Vorhaben rasch umsetzen können.
Harald Kopececk, MBA
Geschäftsführer der ZAB – Zukunftsagentur Bau in Oberösterreich
Warum ist es so wichtig, den Einstieg in die Digitalisierung als Prozess zu sehen?

Digitalisierung ist kein Software-Kauf, sondern Prozessarbeit. Viele KMUs haben dafür keine eigene Digitalabteilung. In unserem Reifegrad-Projekt haben wir gesehen, dass ein einzelner Ablauf teils mit über 20 Programmen bearbeitet wird. Das kostet Zeit und demotiviert. Effizienter wäre es, die Prozesse erst zu analysieren, bestenfalls vereinfachen und dann das passende Werkzeug zu wählen. Zu BIM kann ich sagen, es gleicht einer Projekt-Philosophie, damit alle am gleichen digitalen Modell arbeiten. Mit KI kann künftig viel Dokumentation automatisch laufen, damit wieder mehr Zeit für die Baustelle selbst bleibt. Mein Rat an Unternehmen ist daher: antizyklisch denken und jetzt in die Optimierung der eigenen Prozesse investieren.
Andreas Kreutzer
Markt- und Trendanalyst in Wien
Wie steht es um den Flächenverbrauch in Tirol?
In der Bodenschutz-Debatte ist mir wichtig, Emotionen durch Fakten zu ersetzen. Tirol ist beim Bodenverbrauch im Österreich-Vergleich sparsam, die versiegelte Fläche liegt bei unter zwei Prozent. Eine starre Flächenobergrenze halte ich jedoch für gefährlich: Würden nur mehr 0,23 Hektar pro Tag neu verbaut, könnten pro Jahr nicht einmal 300 Einfamilienhäuser entstehen, auch Gewerbe- und Infrastrukturprojekte würden massiv gebremst. Statt pauschaler Grenzen brauchen wir eine differenzierte Raumplanung, mehr Angebot an Wohnraum, serielles Bauen und eine deutlich stärkere Wohnbauförderung, damit Wohnen leistbar bleibt.

DI Hanno Vogl-Fernheim
Architekt und Präsident der Kammer der Ziviltechniker:innen für Tirol und Vorarlberg

Architekturwettbewerbe sind ein Motor für Qualität und Fairness. Sie ermöglichen jungen Architekt:innen den Einstieg und liefern Auftraggebern vergleichbare, qualitätsvolle Lösungen. Qualität bedeutet nicht automatisch Mehrkosten, sondern kluge, platzsparende Konzepte und funktionale Optimierung. Wir forcieren anonyme Verfahren, um echte Chancengleichheit zu sichern. Als Ziviltechniker:innen arbeiten wir dabei eng mit der Wirtschaftskammer zusammen – wir verfolgen dieselben Ziele.
Mag. Stefan Jenewein
Wirtschaftsforscher bei GAW (Gesellschaft für Angewandte Wirtschaftsforschung)
Die Baubewilligungen in Tirol sind in den vergangenen zwei Jahren stark eingebrochen, konkret um über 36 %. Weniger Baubewilligungen heißt weniger Bauleistung und weniger wirtschaftliche
Aktivität. Hauptverlierer ist dabei naturgemäß die Bauwirtschaft, aber auch andere Wirtschaftszweige wie die Sachgütererzeugung,
der Handel oder Dienstleistungssektor sind davon betroffen. Man denke zum Beispiel an Architekturbüros. Letztendlich geht es um die gesamte Wirtschaft. Konkret sind wir bei rund einer Milliarde Euro an Bruttowertschöpfung, die Tirol verloren geht. Knapp 600 Millionen Euro dabon treffen die Baubranche, die damit der stärkste Verlierer ist. Rückläufige Baugenehmigungen haben auch eine Auswirkung auf die Beschäftigung und das bedeutet auch weniger Einkommen, das ausgegeben werden kann. Zu guter Letzt verliert auch die öffentliche Hand an Geldern.

Mag. Stefan Garbislander
Abteilungsleiter für Wirtschaftspolitik, Innovation und Nachhaltigkeit bei der WK Tirol

Wir haben in den vergangenen Jahren als Standort an Wettbewerbsfähigkeit verloren, ausgelöst durch sehr hohe Arbeitskosten und den Energiepreisschock. Neben Industrie und Handel hat es im Wesentlichen die Bauwirtschaft getroffen, insbesondere durch die steigenden Zinsen und Energiekosten. Wir versuchen, die Unternehmen dahingehend zu beraten,
sich diesem Thema vermehrt zu widmen und damit die steigenden Kosten im Bereich Energie, aber auch der Rohstoffpreise im Auge zu behalten. Ein weiterer wesentlicher Aspekt ist das Thema Flächenwidmung. Hier sehe ich großen Handlungsbedarf seitens der Politik, vor allem bei den Vorbehaltsflächen für die Landwirtschaft. Diese haben sehr wohl ihre Berechtigung, bei Nichtnutzung müsste es jedoch wieder einfacher werden, sie für gewerbliche Zwecke herauszunehmen.
Ing. Roman Schneider, MSc.
Magistrat der Stadt Wien, Abteilung 37 – Baupolizei
Bei unserem Digitalisierungsprojekt BRISE ging es darum,
Technologien zu finden, die der Beschleunigung
von Bauverfahren helfen könnten. Wesentlich dabei war
BIM – Building Information Modeling. BIM bietet die
Möglichkeit, ein Gebäude in 3D darzustellen und einzelne
Elemente daraus separat zu modellieren. Diese Methode
ermöglicht die Planung eines Gebäudes, sozusagen
einem digitalen Zwilling entsprechend, vom Entwurf
bis hin zum Abbruch. Dies bringt nicht nur einen deutlichen
Mehrwert für unsere Arbeit, sondern wirkt sich auch
beschleunigend auf die Verfahren aus, da es Prüfungen
einfacher macht. Auch Augmented Reality und künstliche
Intelligenz spielen eine wichtige Rolle, wobei der KI
keine Prüfung anvertraut werden kann, sehr wohl kann
sie aber für Assistenzsysteme eingesetzt werden. Ich
wage keine Aussage für die Zukunft, halte aber eine Umsetzung
innerhalb der nächsten Jahre für sehr realistisch.
