Platz für Generationen durch verdichtetes Bauen

Tirol gilt österreichweit als Vorzeigeregion im sparsamen Umgang mit Grund und Boden. Nur rund 1,8 % der Landesfläche sind versiegelt, der niedrigste Wert im Bundesvergleich. Doch das anhaltende Bevölkerungswachstum, steigende Wohnkosten und begrenzte Flächenreserven stellen Gemeinden, Planer und Bauwirtschaft vor große Herausforderungen.
12. August 2025

Wie können wir zusätzlichen Wohnraum schaffen, ohne wertvolle Grünflächen zu opfern? Eine verdichtete Bauweise und die intelligente Nachnutzung bestehender Gebäude sind notwendige Maßnahmen, um den steigenden Bedarf zu decken, gleichzeitig Natur und Lebensqualität zu bewahren und in Folge auch leistbares Wohnen zu ermöglichen.

Bevölkerungswachstum fordert Umdenken

Bis zum Jahr 2070 könnte Österreich die Marke von zehn Millionen Einwohnern erreichen. Das sind rund 800.000 mehr als heute. Das stärkste Wachstum wird in den städtischen Ballungsräumen erwartet: Wien, Graz, Salzburg, Linz, aber auch das Tiroler Inntal zählen zu den Hotspots. Die Verbauung von Umland treibt nicht nur den Flächenverbrauch in die Höhe, sondern verursacht auch hohe Folgekosten für Gemeinden. Straßen, Kanalisation, Strom- und Wasserversorgung müssen aufwendig und oft wenig effizient ausgebaut werden. Gleichzeitig steigt das Verkehrsaufkommen, was Umwelt und Lebensqualität zusätzlich belastet.

Was bedeutet Verdichten

Verdichtung bedeutet, vorhandene Flächen effizienter nutzen und beispielsweise aus vorhandenen Gebäuden zusätzlichen Wohnraum schaffen. Eine Umnutzung von brachliegenden Industrie- und Handelsflächen, Nutzung von Leerständen, Aufstocken, Ausbauen und Sanieren – all das schafft Platz für mehrere Generationen und entlastet den Bodenverbrauch. Auch Gewerbe- und Industrieflächen bieten enorme Möglichkeiten. Viele Produktions- oder Handelsstandorte sind durch verändertes Konsumverhalten – etwa den Trend zum Online-Shopping – nicht mehr ausgelastet. Anstatt solche Areale brachliegen zu lassen, können sie in Wohnraum, gemischte Quartiere oder öffentliche Einrichtungen umgewandelt werden. Infolge ergeben sich zahlreiche Vorteile:

  • Schonung von Freiland durch Reduzierung des Flächenverbrauchs
  • Belebung von Ortskernen und Nutzung bestehender Infrastruktur
  • Schaffung von leistbarem Wohnraum
  • Effiziente Nutzung von Bestandsgebäuden
  • Abbau von Leerstand
  • Reduzierte Kosten für kommunale Erschließung
  • Reduzierte Wohnkosten
Aufstockung schafft Wohnraum

Bestand statt Neubau

Tirol hat zunehmend Potenzial, das ungenutzt bleibt. Viele Ortskerne verfügen über Gebäude, die leer stehen oder nicht optimal genutzt werden. Oft verhindern jedoch strenge Bauvorschriften eine Nachverdichtung:

  • Stellplatzverordnungen verlangen zusätzliche Parkflächen, die im Ortskern kaum realisierbar sind.
  • Mindest-Raumhöhen und Schallschutzauflagen passen nicht zu den baulichen Gegebenheiten älterer Häuser.

Das führt dazu, dass Sanierungen unwirtschaftlich werden und mancherorts der Abriss attraktiver erscheint als die Umnutzung.

„Wenn wir Tirol auch in Zukunft lebenswert und leistbar halten wollen, müssen wir intelligenter mit unserem Bestand und Boden umgehen. Verdichtetes Bauen und die Nutzung bestehender Gebäude sind der Schlüssel dazu.“

Patrick Weber, Landesinnungsmeister der Bauinnung Tirol

Förderungen des Landes Tirol für verdichtetes Bauen

Das Land Tirol unterstützt Bauherren und Käufer gezielt, wenn sie auf verdichtete Bauweise setzen. Förderfähig sind unter anderem:

  • Ersterwerb von geförderten Wohnungen oder Reihenhäusern
  • Errichtung von Doppelhaushälften oder Wohnungen in Mehrfamilienhäusern (max. 400 m² durchschnittlicher Grundverbrauch)
  • Nachverdichtung durch Auf- oder Zubauten ohne zusätzlichen Grundverbrauch

Die Höhe der Förderung hängt vom durchschnittlichen Grundverbrauch ab und kann bis zu 1.950 € pro m² förderbarer Nutzfläche betragen. Die Kreditlaufzeit beträgt bis zu 37,5 Jahre. Alternativ dazu ist der Wohnbauscheck möglich, dabei fallen 35 % des Förderungskredits auf einen nicht rückzahlbaren Zuschuss. Zusatzförderungen gibt es z. B. für junges Wohnen, energieeffiziente Technik oder barrierefreies Bauen.

Quelle: Land Tirol, „Wohnbauförderung – Informationsblatt Verdichtete Bauweise“, Ausgabe 1.5.2025

Fazit: Verdichten als zentrale Zukunftsstrategie im Bau

Verdichtetes Bauen soll kein kurzfristiger Trend sein, sondern auch künftig für Generationen nachhaltig leistbaren Wohnraum ermöglichen.

Zusammenfassend steht Verdichtung und Nachnutzung für:

  • Boden schützen und Zersiedelung stoppen
  • Wohnraum leistbar machen durch geringere Grundstückskosten
  • Bestehende Infrastruktur effizient nutzen, statt neue zu erschließen
  • Ortskerne beleben und Leerstände reduzieren

Mit angepassten gesetzlichen Rahmenbedingungen, dem Mut zu innovativen Planungen und gezielten Förderungen lässt sich verdichtetes Bauen so umsetzen, dass es Wohnqualität, Umwelt und Wirtschaft gleichermaßen zugutekommt. Tirol hat die Chance, hier eine Vorreiterrolle zu übernehmen und sollte sie nutzen.

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